Spanisch - C66

Tarrasch, Siegbert
Lasker, Emanuel

8. Weltmeisterschaft, Deutschland 1908, Partie 4

 

1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lb5 Sf6 4.0-0 d6 5.d4 Ld7 6.Sc3 Le7 7.Te1 exd4 8.Sxd4 Sxd4 9.Dxd4 Lxb5 10.Sxb5 0-0 11.Lg5 h6 12.Lh4 Te8 13.Tad1 Sd7 14.Lxe7 Txe7 15.Dc3

Ich glaube, dass Tarrasch mit dem Ergebnis aus der Eröffnung recht zufrieden gewesen ist: Weiß hat einen kleinen, aber anhaltenden Vorteil, und es gibt Möglichkeiten, diesen Vorteil ohne Risiko zu vergrößern. Man kann vermuten, dass Tarrasch vielleicht einen Zug wie 15...Sf8 erwartete, wonach er 16.Sd4 mit wachsendem Druck geplant haben dürfte. Lasker wusste indes, dass der beste Weg, eine lange, qualvolle Verteidigung zu vermeiden, darin bestand, den Gegner aus seiner zufriedenen Stimmung herauszureißen. Das tat er mit einem provokativen Zug (auf dem Brett natürlich!), der wider jede schachliche Vernunft zu gehen schien:

15...Te5?! 16.Sd4 Tc5

Aus rein schachlichen Gesichtspunkten ist diese Idee sehr verdächtig: der schlecht postierte Turm kann Schwarz etliche Probleme bereiten. Aber das Ziel war, dass Tarrasch angesichts dieses frechen Turmes aus der Fassung kommen sollte.

17.Db3 Sb6 18.f4

Jetzt gibt es kein Zurück mehr, aber Lasker hatte ohnehin nie die Absicht, den vorgerückten Turm zurückzubeordern.

18...Df6 19.Df3 Te8 20.c3

20.b3 nebst c2-c4 war genauer.

20...a5

Damit versucht er, den weißen Damenflügel zu schwächen.

21.b3 a4 22.b4?!

22.c4! hätte den schwarzen Turm auf c5 für eine Weile arbeitslos gemacht. Allerdings musste Weiß, um nach 22...axb3 23.axb3 c6 irgendwelche Fortschritte zu erzielen, das äußerst dynamische 24.Sf5 d5 25.Df2 Sd7 26.g4! spielen.

22...Tc4

Nun hat der Turm wirklich keine Züge mehr, aber der Druck auf c3 ist für ihn eine volle Beschäftigung.

23.g3 Td8

23...c5 wäre wegen 24.Sb5 voreilig gewesen.

24.Te3

24.a3! war die beste Prophylaxe gegen den beabsichtigten Zug c7-c5.

24...c5 25.Sb5?

Tarrasch ist von Sinnen! 25.bxc5 Txc5 26.Tb1 Sc4 27.Td3 führte zu einer ausgeglichenen Stellung. Aber der brennende Wunsch, den Gegner für die Verletzung der allgemeinen Schachprinzipien zu bestrafen, lässt Tarrasch an eine magische Kombination glauben.

25...cxb4 26.Txd6 Txd6 27.e5 Txf4!

Das Wunder entpuppt sich als Trugbild, und die größte Ironie besteht darin, dass der Todesstoß vom berüchtigten Turm ausgeführt wird. Der Rest bedarf keines Kommentars.

28.gxf4 Dg6+ 29.Kh1 Db1+ 30.Kg2 Td2+ 31.Te2 Dxa2 32.Txd2 Dxd2+ 33.Kg3 a3 34.e6 De1+ 35.Kg4 Dxe6+ 36.f5 Dc4+ 37.Sd4 a2 38.Dd1 Sd5 39.Da4 Sxc3 40.De8+ Kh7 41.Kh5 a1=D

und Tarrasch gab auf, was er unter normalen Umstaenden vor vielen Zügen getan haette. Nach dieser schicksalhaften Partie stand es im Wettkampf 3:1 für Lasker. Das Debakel hatte das Selbstvertrauen des Herausforderers derart erschüttert, dass er sich nicht mehr erholte und das Match mit +3, =5, -8 verlor.

Kommentar: Garry Kasparov