Sizilianisch-Sweschnikow - B33

Kasparov, Garry (2800)
Lautier, Joel (2645)

Olympiade Moskau 1994, Runde 7

 

1.e4 c5 2.Sf3 e6 3.d4 cxd4 4.Sxd4 Sf6 5.Sc3 Sc6 6.Sdb5 d6 7.Lf4 e5 8.Lg5 a6 9.Sa3 b5 10.Sd5 Le7 11.Lxf6

In diesem System dreht sich alles um die Kontrolle des Felds d5. Im Idealfall tauscht Weiß alle Leichtfiguren ab, bis er mit seinem guten Springer gegen den schlechten schwarzen Läufer verbleibt.

11...Lxf6 12.c3 0-0 13.Sc2 Tb8

Schwarz trägt Vorsorge gegen die weiße Hauptdrohung - den Vorstoß a2-a4. Wie Kasparow demonstriert, ist ein anderer Bauernvorstoß (h2-h4) noch viel unangenehmer. Die Partie nährt Zweifel an der Korrektheit des Zugs 13...Tb8, der als Hauptfortsetzung erachtet wurde. Nach der vorliegenden Partie begannen viele Sweschnikow-Anhänger nach anderen Lösungen zu suchen, und heutzutage wird wieder 13...Lg5 populär.

14.h4!

Dieser kraftvolle Zug ist eher strategischer, als taktischer Natur. Es mag überraschen zu erfahren, dass sein Hauptvorteil im indirekten Kampf um das Feld d5 besteht. Ich möchte es näher erläutern. Im Sweschnikow-System und speziell in dieser Variante besteht die Hauptaufgabe von Schwarz in der Bekämpfung des Springers d5, mit dem Plan Sc6-e7 und Lc8-e6 (oder b7). Dabei ist es wichtig, den Springer c2 am Betreten der Felder e3 oder b4 zu hindern, von wo er den auf d5 abgetauschten Springer sofort ersetzen könnte. Aus diesem Grund spielt Schwarz, bevor er Sc6-e7 zieht, die Züge a6-a5 und Lf6-g5. Deshalb ist das Feld g5 so wichtig; Schwarz muss seinen Läufer auf der Diagonale c1-h6 platzieren und bei erster sich bietender Gelegenheit den auf e3 auftauchenden Springer abtauschen.

14.a3 a5 [meiner Ansicht nach ist hier 14...Lg5 der logischste Zug. Schwarz ergreift die Möglichkeit, den Läufer gleich nach g5 zu stellen.] 15.h4 [ernsthaft in Betracht kommt 15.Ld3 mit der Idee, die Dame nach e2 zu stellen und den Druck gegen den Bauern b5 zu erhöhen.] 15...Se7 16.Sce3 [die Stellung nach 16.Sxf6+ gxf6 erinnert an die Hauptvariante, jedoch mit dem wichtigen Unterschied, dass die a-Bauern auf a3 bzw. a5 stehen. Da Weiß im Zentrum und am Königsflügel agiert, ist diese Veränderung für Schwarz, der ja am Damenflügel Gegenspiel sucht, von Vorteil.] 16...Sxd5 17.Sxd5 Le6 18.g3 Dd7 19.Lg2 Ld8 mit gleichem Spiel in Kasparow-Kramnik, Moskau PCA 1994

14...Se7

14...g6 ist fraglich, insbesondere nach dem letzten Zug von Weiß 15.g3 Le6 16.Lh3 Lg7 17.h5 a5 18.Sce3 mit leichtem Vorteil für Weiß in J.Polgar-Illescas Cordoba, Leon 1996

14...Le6!? 15.Sxf6+ [15.Sce3 a5 (15...b4? 16.Lxa6 bxc3 17.bxc3 ±, aber 15...Le7! mit gleichem Spiel zeigt den Nachteil von 15.Sce3 auf - Schwarz kann per Zugumstellung die Variante mit 14...Le7 erreichen.) 16.Sxf6+ gxf6 17.Ld3 mit leichtem Vorteil für Weiß.] 15...gxf6 [15...Dxf6 16.Dxd6 Tbc8 17.Dd2 ±] 16.Se3 mit der Idee b4 17.Lxa6 bxc3 18.bxc3 Da5 19.Dd3 Tb3 20.Sd1 Ta3 21.Lc4 [21.Lb5? Sd4] 21...Sb4 22.Dd2 Sc2+ 23.Dxc2 Lxc4 24.Th3mit leichtem Vorteil für Weiß.

14...Le7!? auf einen solchen Zug kann man nur nach einer sehr tiefen Stellungsanalyse kommen.Schwarz will seine Figuren optimal aufstellen und dabei seine Bauernstruktur am Königsflügel intakt halten. Angestrebt wird die Umgruppierung Le6, Dd7, Ld8, Se7 und Lb6. Manchmal ist auch f7-f5 möglich.

15.Sxf6+!

Weiß behandelt die Variante auf eine neue Art. Er schwächt die schwarze Bauernstruktur und nutzt diesen Umstand aus, indem er einen Angriff am Königsflügel organisiert.

15.Sce3 Sxd5 16.Sxd5 Lb7 [16...Le6!? 17.g3 a5 ist unklar.] 17.g3 b4! 18.c4 Lxd5 19.Dxd5 Db6 mit gleichem Spiel in Smagin-Gorelov, UdSSR 1982

15...gxf6

Auf den ersten Blick hat Schwarz eine in der Sweschnikow-Variante normale Bauernstruktur. Doch schauen wir uns die Sache etwas näher an. Die Hauptidee von Schwarz besteht im Vorstoß seiner Zentrumsbauern. Eine sehr wichtige Rolle spielt dabei der Läufer g7, der nicht nur seine potentielle Kraft auf der langen Diagonale entfalten kann, sondern auch seinen König verteidigt. In der vorliegenden Stellung ist dieser Läufer leider schon vom Brett verschwunden, so dass Schwarz stets auf seinen gefährdeten König achten muss.

Ein weiterer Vergleich. In einer anderen Variante - 10.Sxe7+ Se7 11.Lxf6 gxf6 - befinden sich dieselben Figuren auf dem Brett und es entsteht eine ähnliche Bauernstruktur (sieht z.B. Ye Jiangchuan-Krasenkow, Tan Chin Nam Cup 1999), wobei die Variante als für Schwarz zufriedenstellend erachtet wird. Ein Unterschied besteht jedoch in der Stellung des schwarzen Königs. In dieser Variante rochiert Schwarz gewöhnlich lang und wirft dann seinen Zentrumsbauern schnellstmöglich nach vorn.

16.Ld3!

Erst dieser Zug ist neu. Kasparov verbessert damit eine Partie, die er im selben Jahr gegen Kramnik spielte. Diese Partie gewann er zwar, aber das Spiel war sehr verwickelt und unklar. In der vorliegenden Partie versucht Weiß, seine Dame mit einem Zug (Dd1-h5) zum Königsflügel zu bringen; in seiner Partie gegen Kramnik benötigte er dazu zwei Züge (Dd1-d1-h6).

16.Dd2 Lb7 17.Ld3 d5 18.exd5 Dxd5 19.0-0-0 [jetzt würde 19.Se3?! die weiße Dame, die nach h6 strebt, behindern, deshalb opfert Kasparow einen Bauern.] 19...e4! der Läufer muss zurück nach e2 ziehen, auf c2 würde er natürlich weniger aktiv stehen. 20.Le2 Dxa2 21.Dh6 De6 22.Sd4 Db6 mit unklarer Stellung in Kasparov-Kramnik, Novgorod 1994

16...d5

16...f5?! 17.exf5 Lxf5 [17...Sxf5 18.Dh5! e4 19.Le2 ± Hjartarson-Schandorff, Reykjavik 1997] 18.Lxf5 Sxf5 19.Sb4 nebst Dd3 und langer Rochade, mit großem Positionsvorteil für Weiß.

17.exd5 Dxd5

17...f5 18.Dh5! das ist viel besser als das von einigen Kommentaren empfohlene 18.Se3, was zu provokativ ist. 18...e4 19.Le2 Dxd5 [19...Sxd5 20.0-0-0 mit der Idee 21.Se3, Weiß gewinnt entscheidend Material.] 20.Dg5+ Sg6 21.h5 f6 22.Dg3 f4 23.Dh2 Se5 24.Dxf4 Sd3+ 25.Lxd3 exd3 26.Dg3+ [26. Dxb8?? d2+ würde die Stellung kippen.] 26...Kh8 27.0-0-0 ±

18.Se3 De6 19.Dh5 e4?

Wie so oft, schwächt ein Bauernvorstoß beträchtlich die eigene Stellung. Schwarz hätte - eventuell unter Einsatz von taktischen Mitteln - die Bauern auf e5 und f5 so lange wie nur möglich halten sollen.

19...f5 20.0-0-0 Dg6 Weiß hat eine angenehme Wahl. Bei Damen auf dem Brett verfügt er über gute Angriffschancen, wenngleich die schwarze Stellung verteidigungsfähig erscheint, und nach dem Damenabtausch hat er ein besseres Endspiel. 21.Dg5 f6 [21...Dxg5? 22.hxg5 ±] 22.Dxg6+ hxg6 23.Lc2 ergibt nur einen leichten Vorteil für Weiß.

20.Lc2 b4?

Das ist ein klarer Fehler. Schwarz verliert die Kontrolle über das Feld d5 und bekommt dafür keinen Ersatz.

20...f5 21.0-0-0 Kh8 Schwarz wird am Vormarsch seiner Bauern gehindert und sein Gegenspiel am Damenflügel ist zu langsam. Weiß hat alle seinen Figuren gut platziert und kann die Zentrumsbauern angreifen. Allerdings darf man die unterschiedlichen Rochaden nicht vergessen, dabei kann es immer zu einem Angriff kommen. Schwarz steht klar schlechter, er ist aber noch nicht verloren, auf dem Brett ist noch viel los.

21.c4 ± Kh8

21...Td8 22.f3 Lb7 23.0-0 Td2 24.Tae1 ±

22.0-0-0 f5 23.Dg5

Weiß hat einen klaren Plan: das Spiel auf den schwarzen Feldern mit dem Vormarsch des h-Bauern zu kombinieren. Schwarz hat gar kein Gegenspiel.

23...Tb6

23...De5 24.Sg4! De6 25.Sf6 Sg8 26.Sd5 ±

23...f6 24.Df4 De5 25.Dxe5 fxe5 26.Td6 ±, hier wird ein anderer Nachteil von 20...b4 sichtbar. Der weiße c-Bauer wird zu einem Freibauern, der in allen Endspielen eine Gefahr darstellt.

24.h5 Tc6

24...Df6 25.Dxf6+ Txf6 26.Th4!? ±
24...f6 25.Dh6 Df7 26.Df4 ±

25.Kb1!

Das Ausrufezeichen belohnt nicht nur die objektive Stärke dieses Zuges. Solche Züge verraten die Stärke eines Spielers, der nie die Prophylaxe vergisst, und sie sind auch für den Gegner sehr unangenehm, der mit keiner konkreten Drohung konfrontiert wird und deshalb nicht so recht weiß, was er machen soll.

25.h6 Tg8 26.Td8 das funktioniert nicht richtig. 26...Df6 27.Dxf6+ Txf6 28.Td4 Tgg6 plötzlich wird der Bauer h6 schwach. Obwohl Weiß immer noch besser steht, hat er es nicht mehr ganz so leicht.

25...Tc5

Das ganze Manöver Tb8-b6-c6-c5 sieht sehr merkwürdig aus und belegt, wie schwer die Lage ohne ein Gegenspiel ist. Nach 25...Df6 ist das Endspiel sehr mühsam, vermutlich bereits strategisch verloren, doch nun bekommt Weiß die Gelegenheit, das Spiel mit einem direkten Angriff zu entscheiden.

26.h6

Nun ist dieser Vorstoß möglich - der schwarze Turm steht nicht mehr auf c6, so dass die Verteidigung ...Df6 ausscheidet.

26...De5

26...Tg8 27.Td8! und Weiß gewinnt, denn hier verfügt Schwarz nicht über den Zug ...Df6.

27.Th5!

Ein Triumph der weißen Strategie - Schwarz befindet sich im totalen Zugzwang. Die Hauptdrohung lautet 28.Sg4.

27...Tg8

27...Sg6 28.Td8 Kg8 29.Sg4 fxg4 30.Txf8+ Kxf8 31.Dd8+ De8 32.Dxe8+ Kxe8 33.Txc5 +-
27...Sc6 28.Sg4 fxg4 29.Dg7+ Dxg7 30.hxg7+ Kxg7 31.Txc5 +-

28.Sg4! 1-0

28.Sg4! De6 [28...fxg4 29.Dxe5+ Txe5 30.Txe5 +-, 28...Txg5 29.Sxe5 Txe5 30.Txg5 +-] 29.Td8! +-

Kommentar: Dorian Rogozenko