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Diagramm 21-2006
 
Diagramm 21 – 2006
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Rochade-EuropaStefan Meyer-Kahlen
 
 
Eröffnungsbäume
von Stefan Meyer-Kahlen - Dezember 1999
 
 
Ich möchte heute etwas über Eröffnungsbäume schreiben. Jedes neue Programm wirbt heutzutage damit, daß es einen sogenannten "Eröffnungsbaum" besitzt, mit dem der Benutzer Zugriff auf die gesamte Eröffnungstheorie hat. Doch was ist denn nun eigentlich ein Eröffnungsbaum?
 
 
Was ist ein Eröffnungsbaum?
Ein Eröffnungsbaum ist eine große Datenbank von Schachstellungen und Zügen, mit deren Hilfe man für eine bestimmte Schachstellung herausfinden kann, welche Züge in dieser Stellung schon gespielt worden sind. Ein Computer benötigt dieses Wissen, damit er in der Eröffnungsphase schnell einen Zug ausspielen kann, ohne seine internen Schachalgorithmen zu verwenden. Dadurch kann er Bedenkzeit einsparen und strategische Fehler in der Eröffnung vermeiden. Bisher ist das noch nichts Neues, doch werden in dieser Datenbank zusammen mit den einzelnen Zügen noch weitere Informationen gespeichert.
 
Man kann zum Beispiel für jeden Zug herausfinden, wie oft er schon gespielt worden ist und wie seine Erfolgsquote lautet, d.h. wie oft Weiß oder Schwarz mit diesem Zug gewonnen oder verloren hat und wie oft die Partie unentschieden ausging. Weiter kann man auch ablesen, welchen Elodurchschnitt beide Seiten hatten sowie neuerdings auch, in welchem Jahr der Zug besonders häufig gespielt worden ist.
 
Damit kann man sehr gut zwischen klassischen und modernen Varianten unterscheiden. Mit diesen Informationen kann man leicht die Eloleistung für jeden Zug ausrechnen. Es macht z.B. einen Unterscheid, ob man 60% gegen gleichwertige Gegner oder aber 80% gegen schwächere Gegner erreicht. Zur Verdeutlichung möchte ich kurz ein Beispiel für einen Ausschnitt eines Eröffnungsbaums für die Grundstellung angeben:
 
   Partien    Quote     ELO     Leistung  
 1.e4 6543255,4%24272450
1.d44021253,4%24532469
1.c4801151,3%24322463
 
Man sieht, dass 1.e4 am meisten gespielt worden ist (65432 mal) und auch die höchste Erfolgsquote (55.4%) hat. Mit 1.d4 wurde jedoch die höhere Eloleistung erreicht (2469 Elo) und es wurde auch von stärkeren Spielern gespielt (Elodurchschnitt 2453). 1.c4 wird seltener gespielt, die Erfolgsquote ist vergleichbar, wenn auch etwas niedriger.
 
 
Vorzüge des Positionsbaums
Wie sie sehen, bietet dieses Konzept eine Fülle von sehr nützlichen Informationen, und damit sind wir bei der entscheidenden Neuerung. Bisher war es nämlich immer nur der Computer oder aber das Programm, welches von dem Wissen in seinem Eröffnungsbuch profitieren konnte, doch nun hat auch der menschliche Benutzer ein sehr mächtiges und nützliches Informationssystem zur Hand.
 
Er kann sich nun sehr gezielt in einer bestimmen Eröffnungsvariante vorbereiten und die bisher in dieser Variante gespielten Züge sehr schnell auf ihre Tauglichkeit untersuchen. Weiterhin sieht er auch sofort, wo die bekannte Theorie zu Ende ist und muss dazu nicht erst diverse Schachbücher oder elektronische Partiedatenbanken durchstöbern.
 
Auch die Schachprogramme haben allerdings einen deutlichen Mehrwert. Sie nutzen natürlich die gespeicherten Informationen für Ihre Zugauswahl in der Eröffnung aus. Wenn es zum Beispiel in einer gegebenen Stellung zwei Züge zur Auswahl gibt, von denen der eine dreimal gespielt worden ist und mit dem die Partie auch dreimal den Bach runter ging, der andere jedoch nach 100 Partien eine Quote von 60% hat, sollte die Zugwahl des Programms klar sein.
 
Dies ist aber noch lange nicht alles. Es ist nun auch viel besser möglich, das Ausspielverhalten in der Eröffnung zu beeinflussen. Durch eine Vielzahl von Einstellmöglichkeiten kann man fast stufenlos bestimmen, ob das Programm nur die besten Züge spielen soll oder aber abwechslungsreicher auch einmal potenziell schlechtere Züge wählen soll. Weiterhin kann man auch nur die Hauptvarianten spielen lassen oder aber sich auf die Nebenvarianten beschränken.
 
 
Nachteile des Konzepts
Nach der Beschreibung all dieser Vorteile werden sie sich sicher fragen, ob es denn nun auch Nachteile dieser Methode gibt. Wie erwartet sind natürlich auch diese vorhanden. Zunächst muss man beachten, dass die Datenbanken viel größer werden, als man es bisher gewohnt war. Dies liegt natürlich daran, dass man nicht nur die Züge, sondern auch die diversen Zusatzinformationen wie die Anzahl der gespielten Partien usw. speichern muss. Meiner Meinung nach ist dieser Punkt allerdings nicht sehr tragisch. Die Datenbanken werden bei weitem nicht so groß wie bei den im letzten Monat von mir besprochenen Endspieldatenbanken, mit 100 MB bekommt man schon ein ziemlich umfangreiches Eröffnungswissen.
 
Weiterhin erfolgt der Zugriff auch nicht sehr häufig: in der Regel nur einmal pro gespieltem Zug, so dass es auch keine großen Nachteile hat, dass man das Buch nicht in den schnellen Arbeitsspeicher des Rechners laden kann. Es ist durchaus möglich und bei begrenztem freien Festplattenspeicher auch sinnvoll, den Eröffnungsbaum auf CD-ROM zu belassen und von dort aus darauf zuzugreifen. Mit den weiter sehr schnell rapide fallenden Preisen für Festplatten sollte dies allerdings schon sehr bald nie mehr nötig sein.
 
Es gibt allerdings auch noch einen weiteren, nicht so offensichtlichen Nachteil. Dazu möchte ich noch einmal das obige Beispiel aufgreifen: Ein Zug wurde 100 mal in einer bestimmen Stellung mir einer Erfolgsquote von 60% gespielt. Ist dieser Zug nun gut, d.h. kann man ihn bedenkenlos spielen? Auf den ersten Blick sicher ja, doch wenn man sich vergegenwärtigt, dass die Schachtheorie nicht statisch ist, sondern sich immer dynamisch weiter entwickelt und verändert kommt man schnell auf den Haken: Was ist, wenn von den 100 Partien die letzten 10 Partien alle verloren worden sind?
 
Es ist sicher möglich und in diesem Fall wohl auch wahrscheinlich, dass es in dieser Variante ein neue Widerlegung gibt, so dass der besagte Zug nicht mehr spielbar ist. Wenn man sich nur die gesamte Erfolgsquote von 60% ansieht kann man diesen Fall sicher nicht aufdecken. Doch wie fast immer gibt es auch für dieses Problem eine Lösung. Ich habe bei Shredder 5 einen Algorithmus implementiert, der genau dieses erkennt und Züge, für die es eine vermeintliche Widerlegung gibt, nicht mehr so hoch gewichtet. Nach meinen Tests funktioniert dieses Verfahren sehr gut.
 
 
Positionsbaum erweitern
Einen wichtigen Punkt habe ich bisher noch nicht angesprochen: Woher kommen die Daten in einem Eröffnungsbuch überhaupt? Nach dem bisher gesagten ist klar, dass es zu jedem Eröffnungsbaum immer eine Partiendatenbank geben muss, aus deren Datenbestand der Baum generiert worden ist. Weiterhin sollte auch sofort einleuchten, dass die Qualität des Eröffnungsbaums unmittelbar von der Qualität der verwendeten Partien abhängt. Für einen starken Schachspieler macht es z.B. nicht sehr viel Sinn, sich mit einem Eröffnungsbaum und den darin enthaltenen Informationen zu befassen, der aus den Partien der Bezirksliga "Grötenbach" entstanden ist.
 
Es ist heutzutage allerdings kein Problem mehr, sich Datenbanken mit hochkarätigen und aktuellen Partien zu besorgen, so dass es leicht möglich ist, qualitativ erstklassige Eröffnungsbäume zu erstellen. Wenn man davon spricht, Zugriff auf die gesamte Eröffnungstheorie haben zu wollen, dann müssen die verwendeten Partiedatenbanken natürlich auch entsprechend umfangreich sein. Es ist aber sicher möglich, einen Baum zu generieren, der wirklich alle jemals gespielten oder zumindest veröffentlichten Partien enthält und von dem man dann wohl auch zu Recht sagen kann, dass er das gesamte Eröffnungswissen beinhaltet.
 
Ein Eröffnungsbaum veraltet auch nie, denn es ist möglich, den Datenbestand durch das Hinzufügen von neu gespielten Partien zu erweitern. Die jeweiligen Statistikinformationen werden dabei dann auch automatisch aktualisiert, so dass man mit den angezeigten Informationen immer auf dem neuesten Stand sein kann. Man muss dabei nur aufpassen, dass man keine Partie doppelt in den Baum einliest, denn dann stimmen die Statistiken nicht mehr.
 
Wenn man nämlich seine Lieblingspartie gleich 1000 mal importiert, dann hat die dort gespielte Varianten auf einmal eine traumhaft Erfolgsquote. Es wäre zwar technisch durchaus möglich, dieses mehrfache Importieren von derselben Partie zu verhindern bzw. es zu erkennen, doch dies wäre dann wirklich sehr aufwendig und man benötigte auch sehr viel mehr Speicherplatz dafür.
 
Man kann zum Beispiel auch Bäume generieren, die alle Partien eines bestimmten Spielers, z.B. Karpov enthalten. Damit kann man dann sehr gut das Eröffnungsrepertoire dieses Spielers untersuchen und persönliche Stärken und Schwächen dieses Spielers ans Tageslicht bringen. Wenn man ein Schachprogramm mit diesem Baum als Eröffnungsbuch spielen lässt, dann simuliert es im Prinzip Karpov oder auch jeden anderen Spieler, zumindest in der Eröffnungsphase.
 
Man hat also immer die Möglichkeit, gegen jeden Spieler der Welt anzutreten, genauer gesagt gegen dessen Eröffnungsrepertoire. Wenn man von seinem nächsten Gegner genug Partien in seinen Datenbanken findet kann man dies alles natürlich auch für eine hervorragende Vorbereitung auf diese Partie verwenden.
 
 
Fazit
Ein Vergleich zu früheren Zeiten, als das Eröffnungsbuch eines Schachprogramms händisch durch manuelles Eintippen der Züge erstellt worden ist, und zum Konzept des Positionsbaums, der blitzschnell mit neuem Datenmaterial erweitert werden kann, demonstriert nachhaltig den Vorteil dieses Konzeptes. Man darf allerdings nicht vergessen, dass sich die gesamten Statistiken in einem Eröffnungsbaum immer oder fast immer nur auf Partien zwischen zwei menschlichen Spielern beziehen. Ein Zug, der mit einer guten Quote in einem Eröffnungsbaum steht, hat sich also im Spiel Mensch gegen Computer bewährt.
 
Da ein Zug, der für einen Menschen gut ist, noch lange nicht auch für einen Computer gut sein muss, werden die Buchspezialisten aber wohl in absehbarer Zeit noch nicht arbeitslos werden. Es gibt sehr viele Beispiele, in denen ein Computer wohl besser nicht den Zug spielen sollte, der der beste aus Sicht eines menschlichen Spielers ist. Computer spielen einfach anders Schach als Menschen. Ich verweise hier auch auf die Ausführungen von Peter Schreiner zum Thema Eröffnungsbücher.
 
Wie sie sehen, hat das Konzept des Eröffnungsbaum deutlich mehr Vorteile als Nachteile, zumal die wenigen Nachteile auch nicht sehr schwer wiegen oder man sie durch geschickte Programmierung fast völlig umgehen kann. Es ist also für jedes Programm und für jeden Benutzer von Vorteil, sich mit Eröffnungsbäumen zu befassen. Die Werbung hat also diesmal Recht, ein wirklich sehr sinnvolles Feature.
 
Stefan Meyer-Kahlen – www.shredderchess.de
 
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