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Diagramm 22-2006
 
Diagramm 22 – 2006
In dieser Stellung stellte Weiß seine Dame nach e5 und erwartete von Schwarz die Aufgabe. Dieser spielte aber weiter und zog …
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Rochade-EuropaPeter Schreiner
 
 
Eröffnungsbücher - für Schachprogramme
von Peter Schreiner - Januar 2000
 
 
Prinzipiell unterscheidet man im Schach zwischen drei verschiedenen Phasen einer Partie. Die Eröffnung umfasst dabei nur die ersten Züge. Nach allgemeiner Ansicht endet die Eröffnungsphase mit der Vollendung der Figurenentwicklung. Daneben unterscheidet man noch zwischen Mittel- und Endspiel.
 
 
Die Bedeutung der Eröffnung
Ein Großteil der Veröffentlichungen im Schach bezieht sich auf die Eröffnung. Es sind tausende von Büchern erhältlich, die sich ausschließlich mit Schacheröffnungen befassen. Vergleicht man den Umfang der Publikationen zum Thema Eröffnungstheorie mit den Werken, die sich mit Fragen des Mittel- oder Endspiels befassen, wird klar, welche Bedeutung die Eröffnungsphase für den aktiven Schachspieler hat. Das Prinzip läuft immer auf das gleiche hinaus: vereinfacht dargestellt werden in Eröffnungsbüchern plausible bzw. in der Praxis (d.h. in Partien starker Spieler) vorkommende Züge und Zugfolgen aufgezählt und bewertet.
 
Jeder halbwegs erfahrene Schachspieler verfügt über ein mehr oder weniger umfangreiches Wissen über Eröffnungen, das er aus Veröffentlichungen wie Eröffnungsbüchern, Schachdatenbanken oder auch aus den Erkenntnissen eigener Analysen (durchaus auch mit Hilfe von Schachprogrammen!) gewonnen hat. Solange sich ein Schachspieler nun innerhalb des ihm eigenen Eröffnungswissens bewegt, wird er deshalb nicht selbst schöpferisch tätig werden (d.h. aktiv nach der bestmöglichen Fortsetzung suchen), sondern die schöpferischen Leistungen anderer (z.B. der Autoren von Eröffnungsbüchern) reproduzieren.
 
Grundsätzlich besteht das Ziel der Eröffnung darin, eine möglichst vorteilhafte Stellung herbeizuführen. Aufgrund des gigantischen Umfangs der Eröffnungstheorie ist es einem Menschen unmöglich, die gesamte Eröffnungstheorie zu kennen. Jeder Schachspieler spezialisiert sich deshalb auf bestimmte Eröffnungen, die er selbst aktiv spielt.
 
Die Auswahl der Eröffnungen, die ein Schachspieler aktiv spielt, ist ein wesentliches Merkmal zur Charakterisierung seiner Spielweise. Denn mit unterschiedlichen Eröffnungen werden in der Regel verschiedene Stellungstypen herbeigeführt, welche die individuellen Fähigkeiten eines Schachspielers auf verschiedene Weise fordern. Die große Kunst bei der Eröffnungsvorbereitung besteht hauptsächlich darin, ein System auszuwählen, das die eigenen Stärken betont und optimal zum eigenen Spielstil passt!
 
 
Bedeutung des Eröffnungswissens für die Spielstärke
Da Schachpartien mit Wettkampfcharakter mit begrenzter Bedenkzeit durchgeführt werden, besteht nur eingeschränkt die Möglichkeit, alle Konsequenzen möglicher Fortsetzungen präzise zu überprüfen. Diese Einschränkung besteht bei der Analyse von Eröffnungen natürlich nicht. Es ist oft anzutreffen, dass sich in bestimmten Systemen die beste Spielweise erst nach monate- oder jahrelanger Praxis in Meisterpartien oder in langwieriger häuslicher Analyse durch Eröffnungsexperten herauskristallisiert. Wenn ein Schachspieler dieses Wissen besitzt, kann er quasi in einer Sekunde einen Zug spielen, an dem ein anderer Schachspieler ein Jahr oder länger nachgedacht und gearbeitet hat!
 
Die mangelnde Kenntnis von Eröffnungen ist ein häufiger Grund für den Verlust von Partien. Kein starker Schachspieler wird daher in einer bedeutenden, wichtigen Partie eine Eröffnung wählen, die er nicht kennt oder nur unzureichend analysiert hat. Es gibt Spieler, die ihren Gegnern in der Eröffnung gezielt Fallen stellen (Fortsetzungen, die z.B. scheinbar eine Figur verlieren, tatsächlich jedoch einen verborgenen Weg zu Erringung eines größeren Vorteils beinhalten). Eine gute Kenntnis der Eröffnungstheorie ist also eine unverzichtbare Voraussetzung für die Erlangung eines gewissen Spielniveaus.
 
 
Eröffnungsbibliotheken der Schachprogramme
Wenn ein Mensch Eröffnungen spielt, reproduziert er - wie bereits ausgeführt - in der Regel Züge. Dabei spielt es für unsere Überlegung überhaupt keine Rolle, ob dieser Zug aus einem Buch, von einem anderen Schachspieler oder einer Datenbank stammt. Auch wenn ein bestimmter Eröffnungszug vom Spieler in häuslicher Analyse selbst gefunden wurde (= Neuerung), handelt es sich bei der praktischen Anwendung in einer Schachpartie um eine Reproduktion.
 
Schachprogramme verhalten sich in dieser Hinsicht nicht anders. Jedes Programm verfügt über eingespeicherte Eröffnungszüge, die es nur aus der entsprechenden Datei abzurufen braucht. Die Datei mit den gespeicherten Zügen bezeichnet man als Eröffnungsbuch oder Eröffnungsbibliothek. In gedruckten Eröffnungsbüchern befinden sich genau wie in den Eröffnungsbüchern von Schachprogrammen Zugfolgen und Bewertungen (z.B. "guter Zug" oder "schlechter Zug").
 
 
Analogie Mensch - Schachprogramm
Ein Schachprogramm hat - wie ein menschlicher Schachspieler - bestimmte individuelle Stärken und Schwächen. Wir wollen an dieser Stelle nicht auf die prinzipiellen Unterschiede der Herangehensweise von Mensch und Computer an das Problem Schach eingehen.
 
Fakt ist: Schachprogramme unterscheiden sich in ihrer Spielweise genau so voneinander, wie sich menschliche Schachspieler voneinander unterscheiden (wäre dem nicht so, müssten die Schachprogramme identisch sein und könnten deshalb keine schöpferische Leistung der Autoren darstellen). Daraus folgt, dass Schachprogramme ebenso wie Menschen unterschiedliche Eröffnungen spielen müssen, um ihre spezifischen Fähigkeiten bestmöglich zur Geltung bringen zu können.
 
 
Entwicklung eines Eröffnungsbuchs
Die Analogie zum menschlichen Schachspieler lässt sich in diesem Punkt fortführen. Ein Mensch wird sich aus der Summe der Eröffnungstheorie die Spielweisen aussuchen, lernen und anwenden, die seinen individuellen Fähigkeiten entsprechen; zumindest sollte es im Idealfall so sein. Ein Schachprogramm benötigt hierzu jedoch die Hilfe eines Entwicklers, der einerseits ein starker Schachspieler sein muss, um
  1. die individuellen Fähigkeiten eines Schachprogramms zu erkennen,
  2. die in Veröffentlichungen (Eröffnungsbüchern, Datenbanken, usw.) abgegebenen Beurteilungen (Bewertungen) zu überprüfen,
  3. die Qualität des Spiels des Schachprogramms nach der Eröffnung zu beurteilen.
Andererseits ist auch eine gewisse Kenntnis der spezifischen Programmierung des Schachprogramms notwendig, um programm-technisch bedingte Grenzen der Fähigkeiten des Schachprogramms erkennen zu können! Ein typisches Beispiel wäre z.B. die Unfähigkeit eines Programms, bestimmte Wendungen, deren Auftreten maßgeblich für die Bewertung einer Eröffnungsvariante sind, zu erkennen. Beim Entwickeln eines Eröffnungsbuchs für ein Schachprogramm ist es keinesfalls ausreichend, bereits veröffentlichtes Material ungeprüft zu übernehmen.
 
Verführerisch sind in diesem Zusammenhang die Funktionen des Positionsbaums, der in Programmen wie Fritz, Chess Genius oder Shredder 4 implementiert ist. Die Eröffnungsbibliotheken dieser Programme liegen in einem Format vor, das zu jeder Stellung Bewertungen über die Erfolgsaussichten eines Zuges gespeichert hat. Man kann diese Positionsbäume durch den Import externer Partiedaten automatisch erweitern. Das System leidet meiner Einschätzung nach an einer wesentlichen Schwachstelle: das Schachprogramm orientiert sich bei seinen Ausspielpräferenzen an den Erfolgsquoten einzelner Züge basierend auf den importierten Daten.
 
Entscheidend und extrem wichtig ist aber bei dieser Form der Schachinformation das Niveau der ausgewerteten Datenbestände. So würde der Import der letzten zehn D-Jugend Meisterschaften den Wert des Books nachhaltig abschwächen. Viele Schachprogramme verfügen zwar über ausgeklügelte Lernfunktionen, um die Präferenzen innerhalb des Books zu überprüfen; in der Praxis reicht dieses Verfahren für ein optimiertes Buch auf keinen Fall aus, da das Programm im Unterschied zu einem Menschen nicht in der Lage ist, die Qualität einer bestimmten Fortsetzung langfristig zu beurteilen.
 
Das Eröffnungsbuch muss also unbedingt speziell auf das Schachprogramm abgestimmt sein. Dies ist um so schwieriger, da ein menschlicher Schachspieler seine eigenen Präferenzen kennt und demnach schnell beurteilen kann, ob eine bestimmte Eröffnung ihm entgegenkommt oder nicht. Bei einem Schachprogramm müssen die spezifischen Stärken und Schwächen erst erarbeitet werden. So finden sich in Eröffnungsbüchern häufig Bewertungen wie "Weiß hat entscheidenden Angriff".
 
Wenn nun das Schachprogramm nicht in der Lage ist, den Angriff fortzuführen, dann ist diese Bewertung aus der subjektiven Betrachtungsweise des Schachprogramms unzutreffend. Es wäre sinnlos, wenn das Schachprogramm diese Stellung herbeiführen würde und nicht in der Lage wäre, sie zu verwerten.
 
Die Bewertung "Weiß hat Angriff für den geopferten Bauern" ist ein zweites typisches Beispiel. Dies stellt eine subjektive Bewertung des jeweiligen Autoren dar. Ein menschlicher Schachspieler wird in einem solchen Fall die weiße Stellung bevorzugen, da Menschen in Verteidigungsstellungen psychologisch bedingt öfter Fehler begehen (also schwächer spielen), als in Angriffsstellungen.
 
Dies ist auf Schachprogramme nicht übertragbar, da die psychologische Komponente für das Elektronenhirn vollkommen entfällt. In diesem Beispiel müsste exakt überprüft werden:
  1. wie die Stellung objektiv zu beurteilen ist (wiegen die Angriffsmöglichkeiten schwerer oder der geopferte Bauer?) und
  2. das Schachprogramm sich in dieser Stellung verhält (wird es als Angreifer oder Verteidiger stärker spielen?).
Erst nach diesen Überprüfungen kann festgelegt werden, ob es vorteilhaft ist, das Schachprogramm diese Stellung mittels der Eröffnungsvariante herbeiführen zu lassen. Ein anderer wesentlicher Punkt ergibt sich aus der Tatsache, dass die Bewertung einer Stellung in vielen Fällen nicht klar ersichtlich ist, sondern auf den individuellen Fähigkeiten eines Spielers beruht. So ist es durchaus möglich, dass zwei Spieler gleicher Spielstärke, aber mit unterschiedlichen Stärken und Schwächen, ein und dieselbe Stellung völlig unterschiedlich bewerten.
 
Deshalb ist es unerlässlich, die festgelegten Bewertungskriterien des Schachprogramms mit denen in Eröffnungspublikationen abzustimmen und die Parameter entsprechend zu setzen. Wenn z.B. nach einer Zugfolge eine Seite deshalb besser steht, weil sie den Vorteil zweier Läufer gegen Läufer und Springer besitzt, kann dies für ein Schachprogramm nur dann relevant sein, wenn es diese Konstellation ebenfalls als vorteilhaft einschätzt. Andernfalls besteht die Wahrscheinlichkeit, dass es den Vorteil aus Unkenntnis preisgibt.
 
 
Zusammenfassung
Obwohl in der Eröffnung einer Schachpartie in erster Linie Züge reproduziert werden, ist die Erstellung eines Eröffnungsbuchs für ein Schachprogramm unbedingt als ein schöpferischer Akt anzusehen, da es gilt, das Eröffnungsbuch an die speziellen Fähigkeiten des Schachprogramms anzupassen. Es ist absolut unzureichend, bereits publizierte Zugfolgen und Bewertungen ohne gesonderte Überprüfung zu übernehmen.
 
Aus den vorangegangenen Überlegungen sollte klar geworden sein, dass ein gutes Eröffnungsbuch objektiv die Spielstärke eines Schachprogramms deutlich erhöht. Es reicht keinesfalls aus, Daten ungeprüft zu importieren und sich auf die Beurteilungen oder Lernfunktionen des Programms zu verlassen. Gleichzeitig stellt es eine ungemein reizvolle Aufgabe dar, einmal selbst kreativ tätig zu werden und ein eigenes optimiertes Buch für das Lieblingsprogramm zu erstellen.
 
Diese Tätigkeit bietet noch weitere Vorteile: man lernt eine Menge über Eröffnungstheorie (verbessert also die eigenen schachlichen Fähigkeiten) dazu und bekommt gleichzeitig ein deutliches besseres Verständnis für die spezifischen Stärken und Schwächen des favorisierten Schachprogramms.
 
Peter Schreiner
 
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